Es gibt für alles eine App. Außer für Wein.

App ist die Abkürzung für Application, was nichts anderes als Anwendung bedeutet, also ein Programm. Erdacht hat das Ganze die Firma Apple und zwar für den iPod touch, das iPhone und neuerdings fürs iPad. Und da besonders die letzten beiden Dinger für Nerds und Fanboys das sind, was die Bibel mal im Mittelalter war, nämlich ein bedingungsloser Kaufgrund, sind auch die Apps ein Renner.
Etliche gibt es kostenlos, umfangreichere Dinge wie Spiele bekommt man aber meist nicht für lau. Der Durchschnittspreis aller Apps liegt dabei um die drei Euro.
Dass Apple auch ordentlich Kritik für seinen App-Store einsteckt (u.a. hier), soll hier zwar nur am Rande, aber dennoch nicht unerwähnt bleiben.
Trotzdem gibt es zum jetzigen Zeitpunkt fast 200.000 verschiedene Apps. Und darunter sollten sich doch eigentlich auch einige zum Thema Wein finden lassen?!

Im amerikanischen App Store gibt es ungefähr 100 verschiedene Wein-Apps, im deutschen sind es dann nur noch rund 30.
Damit entgeht einem auch der Parker’s Wine Buyer’s Guide. Denn einfach mal von Deutschland aus im amerikanischen App Store einkaufen geht natürlich nicht. Es ist eben immer noch einfacher sich aus Nordkorea eine Kiste Handfeuerwaffen schicken zu lassen, als ein paar Megabyte Daten gegen Bezahlung, auf den persönlichen Computer, aus dem befreundeten Ausland zu laden. In diesem konkreten Fall ist das auch nicht schlimm. Die „Parker“-App ist mit 35$ nicht nur recht teuer, sie bekommt im User Rating gerade mal zwei Sterne („don’t like it“) und schrammt damit knapp am Lone Star („hate it“) vorbei.

Zur Jubelei besteht aber trotzdem kein Grund, denn was in Deutschland bisher angeboten wird ist… nun sagen wir mal, so spannend wie Dornfelder in der Dose.
Beispiel gefällig? Kein Problem, ich habe mal willkürlich ein paar kostenlose Apps ausgewählt.

BadenWein

Kommt von der Badischer Wein GmbH und soll ein „echter Mehrwert und genau das richtige für” … mich sein.
Die Aufmachung folgt der Designline von Badischer Wein und ist demzufolge gar nicht so schlecht.
Inhaltlich gibt es auch das, was man auf der Webseite findet. Allgemeines, Pressetexte, die Weinempfehlungen von Natalie Lumpp und aktuelle Wein- und Winzerfeste.
Dazu die entsprechende Winzersuche, auch unter Einbeziehung des jeweiligen Standortes. Was für ein mobiles Gerät nicht so ganz unnützlich sein kann. Auch wenn ich damit nicht so viel anfangen kann, für ne kostenlose App gar nicht so übel.

Die großartigen Weine aus Médoc

Tja. Eine total lieblos zusammengestückelte Gurke von WineSpace Inc., mit dem Charme einer PowerPoint Präsentation. Im Prinzip nichts anderes als eine Liste der entsprechenden Weingüter und einer popeligen Karte. That’s it. Keinerlei weitere, brauchbare Infos. Dazu kommen Werbeeinblendungen, die den Mist finanzieren sollen. Sinnlos.

Weingüter Lite

Die kostenlose Version von Weingüter. Die Gestaltung ist zwar auch mittelprächtig, aber der Inhalt geht deutlich über das, was einem von den „großartigen Weinen aus Médoc“ angeboten wird.  Was allerdings auch keine große Kunst ist.
Diese App soll angeblich einen Weinführer in Buchform ersetzen. Und so gibt es in der “leichten” Version eine sehr, sehr, sehr überschaubare Auswahl  (Sachsen: 1. Weingut, Saale-Unstrut: 2 Weingüter) an Winzeradressen und –informationen aus Italien und deutschsprachigen Anbaugebieten. Allerdings soll auch die Vollversion nicht gerade üppig ausgestattet sein.
Da „die Informationen [...] durch die Weingüter selbst bereitgestellt“ werden, dürfte auch klar sein, warum.
Immerhin gibt es bei denen die drin sind, Adressen, Öffnungszeiten, Rebsorten, Kontaktdaten und eine Map-Funktion wie bei BadenWein.
Das ist für lau zwar ganz nett, aber haben muß ich so was trotzdem nicht.

WineLedger

Eine App die es auch in einigen anderen (ausländischen) App-Stores gibt. Und theoretisch, gar nicht so dumm. Es  handelt sich um eine Art Wein-Notizbuch, eben für Notizen, Punktevergaben und was sonst noch. Dazu kann man ein frisch geschossenes Foto einfügen. So man denn ein iPhone hat, iPod touch oder iPad haben ja keine Kamera an Bord.
Notizen ist allerdings auch etwas übertrieben, denn man kann nur Begriffe aus einer Liste (Floral, Fruit, Oak, Spice…) verwenden.
Das macht allerdings nichts, denn speichern kann man seine Eingaben sowieso nicht. No chance. Da das offenbar nicht nur mir so geht, kann man sich diesen Datenmüll getrost sparen und fragen warum Apple das durchgewunken hat.

Wine & Vinatge free

Viele Worte in der Beschreibung, die sich auf ein Wort zusammenfassen lassen. Trinkreifetabelle. In der Free-Version nur mit den „wichtigsten Weinregionen Frankreichs“. Also Bordeaux und Burgund, meint man. Mit einem, sich drehendem Barrique und selbst füllenden Weingläsern, die grafisch die bisher aufwendigste App. Trotzdem lässt der Spieleffekt nach ca. 4,37 Sekunden nach. Die Vollversion legt zwar noch die „relevanten Anbaugebiete Frankreichs, Spaniens, Italien und Deutschlands“ oben drauf, zieht mich aber auch nicht vom Hocker. Hat der passionierte Weintrinker sowieso schon dutzendmal rum liegen. Wozu also noch eins…

winez

Das soll jetzt ein „Geheimtipp“ sein um „immer den richtigen Wein für den richtigen Anlass“ zu haben. Weinsnobs können sich hier also ausblenden. Das Ganze ist wohl eher für GelegenheitstrinkerInnen gedacht, die gerne mal in Brigitte oder GQ blättern.
Allerdings merkt man schnell, das die Sache ziemlich willkürlich und unausgegoren ist. Das englische Original blitzt immer noch unter einem dünnen deutschsprachigen Mäntelchen durch und ein paar holländische Rest-Erklärungen geben einem den selbigen. Und spätestens jetzt merkt man, dass man damit Kunde eines niederländischen Onlineweinshops werden soll. Sinnlos. Again.

Fazit

Natürlich gibt es noch ein paar weite Apps. Aber von Welt-Wein-Jahrgängen, Weinjahrgängen, Weinquiz, Weinkellerverwaltungen und Trinksprüche-Sammlungen haben wir schon in der Offline-Welt schon genug.
Nee, das war nix. Wirkliche neue, schöne Sachen finden sich unter dem Thema Wein nicht und richtig Mühe hat sich auch kaum einer gegeben. Die meisten Apps sind mehr oder wenig erfolgreiche Portierungen von vorhanden Webseiten, Sinnlosratgebern, Wein-Groschenheftchen oder Billigprogrammen. Im besten Fall ganz nett und kostenlos. Im schlimmsten Fall ein Haufen Nullinfos, für die man zwar nicht viel, aber immerhin Geld bezahlt hat. Mit dieser Einschätzung liege ich auch nicht allein, denn kaum eine Anwendung kommt über zwei Sterne („eher nicht“) in der Kundenbewertung.
Dabei bieten Apps durchaus eine Menge Chancen. Wie so was geht zeigt mal wieder die Vermarktungsmaschine um Jamie Oliver. „20 Minute Meals“ ist nützlich, schön und vor allem explizit für diese mobile Plattform gemacht. Und die Mühe wird auch belohnt. Die App verkauft sich nicht nur ausgesprochen gut, sie hat auch einen der Apple Design Awards 2010 abgeräumt.
Gut, Rezepte gehen ja irgendwie immer, aber auch beim Wein würden mir ein paar witzige und nützliche Dinge einfallen.

6 KOMMENTARE

  1. TheoH sagt:

    Danke dir für deine – leider traurige – App-Tour zum Thema Wein.

    Siehst’s ? Kochen geht immer! Ich gratuliere dir, hast ne Mobil-Blogversipn, die mir gerade das Surfen über mein EiFönchen versüßt. :-)

  2. Thomas sagt:

    Sind denn bei der Baden App bei der Winzersuche auch die Weinproduzenten genannt die nicht Mitglied dieser Weinwerbegruppe sind? Also die Mehrheit meine ich? Wissen das denn die Nutzer das sie nur rudimentären Content bekommen? Sorry, ich frage mal als neugieriger naiver nicht iPhonebesitzer

  3. [...] This post was mentioned on Twitter by Thomas L., Charles M. Bugnowski. Charles M. Bugnowski said: Blog post: Es gibt für alles eine App. Außer für Wein. http://2big.at/36a [...]

  4. @TheoH
    Merci. Ich tu’ was ich kann. ;-)

    @Thomas
    Hab zwar explizit kein iPhone, kann aber vielleicht trotzdem helfen.
    Ich weiß zwar nicht wer alles Mitglied dort ist, aber habe schon den einen oder anderen Winzer vermisst. Es wird auch nicht von “Mitgliedern” oder ähnlichem gesprochen, sondern nur von den “Winzern Badens”. Also wie auf der Webseite auch. Ist ein guter Einwurf. Sollte ich vielleicht oben mal ergänzen.

  5. Guido sagt:

    Als hätte man beim GM die hiesigen Klagen gehört…

    http://tinyurl.com/2wttneh

    Ob die App etwas taugt oder nicht, hab ich noch nicht getestet. 8 Euro ist in Sache App aber jedenfalls eine selbstbewusste Ansage… aber Handfeuerwaffen haben ja auch Ihren Preis ;-)

    VG
    Guido

  6. @Guido
    Oh, ein guter Hinweis. Danke! 8 Euro sind wirklich recht sportlich. Aber vielleicht ist sie das ja tatsächlich wert. Nur werde ich das nie rausfinden können.
    Denn während ich selbst eine Knarre vor dem Kauf ausprobieren kann, müsste ich hier mal wieder die Katze im Sack kaufen.
    Keine Light Version zum antesten, keine Rückgabe bei Nichtgefallen, kein Umtausch.
    Möglicherweise aber halb so schlimm, ich kann ja schon mit der Printausgabe nix anfangen…

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