Bye bye Weinjournalismus?

Bye bye?

Blogs, Twitter, Facebook, MySpace. Schöne neue Onlinewelt. Man darf für sich entscheiden, ob man einzelne Bestandteile und Plattformen für sinnig oder unsinnig hält. Aber eines ist sicher, in ihrer Gesamtheit kommen sie nicht, Social Media (Soziale Medien) sind da. Selbst in der Weinbranche, auch wenn es da etwas länger gedauert hat.
Weinverkostungen mit Videochat, Winzer-Liveshows im Internet, alles fast schon selbstverständlich. Heikle Themen, die früher gerne unter den Tisch gefallen sind, werden transparent. Für eine schnelle Verbreitung sorgt Twitter. Neue Vertriebswege für Weinhändler, Winzer die ihre Weine zur Diskussion stellen.
Selbst die kostenlose Probepakete, eine feste Bastion des Weinjournalismus, gibt es nicht mehr exklusiv mit Presseausweis. Engagierte Blogger, Winzer, Sommeliers und Weinhändler blasen den Staub aus der Weinbranche.
Und die Weinjournalisten? Sie bleiben, bis auf ganz wenige Ausnahmen, eher Zaungäste. Man sitzt auf der Mauer, sieht sich das Treiben an, schaut ob man etwas abgreifen kann. Hier und da gibt es Hinweise wie man es richtig zu machen hat. Es gibt ja wohl noch einen Unterschied zwischen einem bloggenden Blogger und einem bloggenden Journalisten. Ansonsten denkt man in Klicks und Page Impressions und wartet auf den nächsten PR- oder Printauftrag.
Innovation? Darum kann man sich ja nicht auch noch kümmern. Aber wie wäre es mit einem Newsletter?
Und was Hänschen nicht macht, rührt Hans schon gar nicht an.
Während die Onlinewelt gelegentlich über das Ziel hinaus rennt, fahren die Weinverlage mit angezogener Handbremse.
Neue Onlineauftritte auf dem Stand er frühen 2000er Jahre werden als Aufbruch gefeiert. Dazu gibt es eine Auswahl an Inhalten, wer mehr will muss Abonnent werden. Am besten gleich für die Prinausgabe. Originäre Onlineartikel findet man so oft wie Brunnen in der Wüste. Höchstens mal ein paar Agentur- und Pressemeldungen. Die gibt’s zwar umsonst, aber dafür auch überall.
Da braucht man erst gar keine Möglichkeit Artikel gegebenenfalls kommentieren zu können. Diskussionen werden so wohl kaum stattfinden und die notorischen Nörgler fängt man so auch weiterhin im Netz der Leserbriefredaktion ab.
RSS Feeds um die Online-Leser wenigstens mit den Überschriften zu versorgen sind zu aufwändig. News liest man dann in vier Wochen, in der Printausgabe. Die Einbindung von interaktiven Inhalten ist in Zeiten von Youtube entweder immer noch zu kompliziert oder man hat einfach nichts zu zeigen.
Wie will man in Zukunft neue Entwicklungen bedienen, so wie in diesem Video das WIRED Magazin, wenn man schon das Heute nicht beherrscht?

Fragt man nach den Gründen, warum Online für der Weinjournalismus immer noch eine heiße Kartoffel ist, kommt DAS Totschlagargument:
Mit dem Internet ist kein Geld zu verdienen.
Es ist nicht zu refinanzieren. Gute Reportagen kosten eben Geld. Und wenn schon für Volontäre und Praktikanten nichts bleibt, wollen wenigstens die Redakteure, Frau und die zahlreiche Kinderschar durchbringen.
Sicher, da ist etwas dran. Allerdings auch sehr kurz gedacht.
Es ist eine Mär, dass niemand im Internet für etwas zahlt. Allerdings, man muss sich mehr Mühe geben als früher. Wie das in Zukunft aussehen kann, zeigt das WIRED-Video. Inhalt und Form müssen stimmen. Für einen digitalen Artikel, der schon in gedruckter Form nichts anderes als PR ist, gibt niemand einen Cent mehr aus.
Man kann es sich nicht mehr leisten die Onlineszene weiterhin pauschal als „Spinner“ zu betrachten. Damit verliert man eine ganze Generation, die Jungen und die Junggebliebenen. Warum holt man diese Generation nicht mit ins Boot, anstatt sie auf Abstand zu halten?
Weinblogger, Weintwitterer usw. sind eben nicht nur Egomanen, die ihre Meinung nie für sich behalten können. Sie sind nicht selten enttäuschte Leser von Weinführern und Weinzeitschriften. Und wenn ein Winzer bloggt, dann mag er vielleicht kein Journalist sein, aber er könnte dessen Job wieder ein Stück überflüssiger machen. Wenn der Kunde seine Infos an der Quelle holen kann, braucht er keinen Übermittler mehr.
Ist der Zug für den Weinjournalismus also abgefahren? Bye bye Weinjournalismus?
Nicht unbedingt. Der Kuchen ist nur kleiner geworden. Man muss sich mehr bemühen. Vor allem um die Leser, nicht nur um die Werbekunden. Noch sind die Möglichkeiten, die Kontakte, das Know-how da. Man muss sie nur entstauben.
Viel Zeit bleibt allerdings nicht mehr…

11 KOMMENTARE

  1. Tim Rbg. sagt:

    Wirklich schön auf den Punkt gebracht. Leider wird das kaum einer von der Weinjournallie lesen.

  2. Dirk Würtz sagt:

    @Tim Rbg.

    Ich glaube da täuschst Du Dich. Das werden ganz viele von der WJ lesen. Da bin ich mir ziemlich sicher.

    Ansonsten ist das mithin das lesenswerteste zu dem Thema!

  3. @Tim
    Lesen, hier und da vielleicht schon. Aber ankommen? Das bezweifele ich… Leider.

  4. @Tim Rbg.

    Höre auf den Dirk, der hat Ahnung! :-)

  5. Iris sagt:

    und ohne jetzt wieder eine Diskussiobn über belastete Wortwahl lostreten zu wollen – journaille ist vielleicht doch etwas stark gewählt auch wenn es von Karl Kraus stammen soll….:-).

  6. christian krahl sagt:

    könntest du auch einen direktlink zu youtube posten? das video geht auf dem iphone leider nicht. würde mich aber trotzdem sehr interessieren.
    grüsse chris

  7. Tim Rbg. sagt:

    @Iris
    Wenigstens ein Hinweis auf Ausdrucksformen muss dann doch sein, oder? *rolleyes*
    Journaille ist hier in Berlin vieleicht old fashioned aber doch nicht belastet.

  8. @christian krahl
    Das Video liegt nicht bei Youtube, sonst würdest du beim iPhone auch eine automatische Weiterleitung bekommen. Das kommt direkt von WIRED. Ich hab’s aber auch bei AdobeDigitalPub auf Youtube gefunden:
    http://www.youtube.com/watch?v=T0D4avXwMmM

    @Tim Rbg.
    Stell dir mal vor was hier los wäre, wenn du “Autobahn” gesagt hättest… Hehe.

  9. christian krahl sagt:

    @Charles | Weincasting

    super! danke! ich habe hier noch einen anderen post zum thema gefunden:

    http://www.weinakademie-berlin.de/wein-presse-gibt-es-noch-einen-ausweg

    finde, er geht in die gleiche richtung und da reden auch journalisten mit.

  10. stephan sagt:

    hm charles,

    ich vermute, die verlage ( denn um die geht es – nicht um die journalisten – der controller entscheidet sowas) werden das schon beobachten. Im besten Fall (für Sie) lassen sie Euch mal in Ruhe das Feld bereiten – und dann steigen sie mit geballter Energie und Finanzkraft ein. TVINO ist da für mich ein schönes Beispiel. (ich mag es!) Erst gibt es die amerikanischen Pionere auf dem Gebiet, dann deutsche Web 2.0 Kopisten (marlene) und als es darum ging, sowas perfekt aufzuziehen, kam HAWESKO… So ähnlich könnte es dann auch mit den Verlagen laufen.

  11. @christian krahl
    Ja, den Artikel kenne ich. Das Thema ist das Gleiche, die Denke liegt, woanders. Der Grundtenor lautet: Wie kopieren wir einen erfolgreichen Printtitel, wie Landlust, Neon… in die Nische Wein. Das ist kein schlechter Ansatz. Nur leider kommt er fünf Jahre zu spät. Mindestens.
    Das muss zwar nicht bedeuten, dass es in Zukunft keine gedruckte Weinzeitschriften mehr gibt. Aber wohl nicht mehr als ein, zwei ganz kleine und die garantiert nicht für die Masse unter 60plus.

    @stephan
    Beobachten werden sie schon, aber verstehen? Der amerikanische Pionier ist im übrigen Weinhändler und hinter TVINO steht ebenfalls kein Verlag, sondern HAWESKO. Auch ein Weinhändler, dazu ein ziemlich großer. Bei der Medienpartnerschaft mit BEEF! (einer zwar locker gemachten, aber eher flachen Zeitschrift) geht es auch eher um Werbung, als um unabhängigen Journalismus.
    Um mit geballter Finanzkraft einzusteigen, dürften den Verlagen wohl die Mittel fehlen.
    Zurückgehende Auflagen, knappere Werbebudgets. Das Geld könnte zwar von potenten Partnern, wie HAWESKO kommen. Und ob das nun in jedem Falle wünschenswert wäre, steht auf einem anderen Blatt…
    Möglicherweise könnte man mit wenig Geld, aber Engagement und Innovationskraft was reißen. Aber wie „…will man in Zukunft neue Entwicklungen bedienen … wenn man schon das Heute nicht beherrscht?“

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