Wolfram Siebeck oder Das miese Essen in der Zone [Update]

Es gibt eigentlich nur zwei Berufsgruppen, die unfehlbar sind. Auch wenn einige es gerne würden, Weinkritiker gehören nicht dazu. Wirklich bedeutend sind nur so wenige, dass man keine allgemeine Aussage treffen kann.
Also bleiben nur die Päbste auf der einen und die Restaurantkritiker auf der anderen Seite. Das weiß man einerseits schon seit Jahrhunderten und im konkreten Falle mindestens seit Beginn der 80er Jahre, als Foyer des Artes ‘Wolfram Siebeck hat Recht‘ zum Besten gab.
Und da es ja nicht Restaurantlober, sondern Restaurantkritiker heißt, ist Siebecks Meinung

Seit wann muss sich ein Kritiker entschuldigen, wenn er den missglückten Parsifal eines unbegabten Regisseurs kritisiert?

nur konsequent. In den fünf neuen Ländern Osten der Zone kam man besonders schlecht weg. Zwar gibt es

ein paar besternte Restaurants östlich der Elbe – aber wie wenige sind es!

Derlei Kritik kam bei den Ossis natürlich schlecht an, bedeutet es doch: Keine Sterne, kein Ahnung vom guten Essen.
Grund genug, um sich im Auftrage des ZEITMagazins, seine Meinung durch eine kleine kulinarische Reise untermauern zu lassen.
Dabei soll keiner sagen, er hätte sich nicht wohlwollend bemüht. Vergebens. In Weimar, im

Prominenten-Hotel Elephant … wo auch schon Adolf Hitler wohnte

der ja auch keine Ahnung von Geschmack hatte oder

im Restaurant Anna Amalia (immerhin: ein Michelin-Stern!)

Selbst in Heiligendamm hat er es versucht. Jenem Ort an der Ostsee, wo ja inzwischen Ossis, ob der exklusiven Preise, so häufig zu finden sind wie (echte) Nutten Nonnen im Puff.
Aber neben ein paar kleinen, wenigen Hoffnungsschimmern in Leipzig (Stadtpfeiffer, zum Glück mit einem Stern) oder Dresden (Bülow Residenz, auch ein Stern. Of course) gibt es an Siebecks Meinungsfels einfach nichts zu rütteln.
Selbst der Versuch eines eingewanderten Wessis, Siebeck mittels eines Tipps zu  überzeugen, schlug fehl. Auch das Dresdner Umland konnte es nicht rumreißen:

Vor vierzig Jahren gab es viele Geheimtipps dieser Art [ja schon] in Nordrhein-Westfalen…

Und so bleibt die Aussage von ‘Foyer des Artes’ wohl immer noch gültig, denn Siebeck bleibt standhaft:

Es gibt jedoch auch Vorbilder für eine verfeinerte Form des Kochens. Diese fehlen östlich der Elbe fast völlig.

Allen Zweiflern wird noch schnell ein Hinweis mitgegeben:

Dreimal wurde ich in den zwei Tagen auf meiner Reise durch Thüringen und Sachsen von ZEIT-Lesern auf der Straße angesprochen. Und immer versicherten sie mir, dass ich recht habe: Mit der lokalen Gastronomie im Osten sei tatsächlich kein Staat zu machen.

Und vier Leute mit der gleichen Meinung können dann wirklich nicht mehr irren. Ihr festes Urteilsvermögen reicht bisweilen aus, um wie in Hessen (Fast)Regierungen zu stürzen.
Und falls man immer noch anderer Meinung sein sollte, kann man sich mit Blixa Bargeld trösten:

Das ist das größte Problem in guten Restaurants, dass das Publikum nicht gut ist

Und zu diesem gehört ja auch ein Restaurantkritiker…

[Update]
Er kann es doch. Das Loben. In Eichwalde bei Berlin hat es seine Sterne mal vergessen und ’seine’ Hausmannskost gefunden.

Es bleibt die Frage: Warum sind solche Köchinnen im Osten, im Westen, im Norden und im Süden so selten?

Weil es keinen Einheitsgeschmack gibt? Weil z.B. für manche ein Steinpilz-Cappuccino High Cuisine ist und für andere einfach eine aufgeschäumte Steinpilzsuppe im Cappuccino-Becher.

4 KOMMENTARE

  1. Tim Rbg. sagt:

    Im Prinzip sind doch alle Kritiker mit Vollbart suspekt. Oder?!

  2. Jamie & Oliver sagt:

    Mensch, Wolfram ist 80! Da funktioniert die Sensorik eben nur noch, um als Küchen-Broder in der Zeit Klischees zu bedienen.

  3. @Tim
    Für Kritiker mag das zutreffen.

    @Jamie & Oliver
    Und Altersmilde verkauft sich ja auch schlecht.

  4. Dr. Satori sagt:

    Habe mit Wolfram Siebeck ein ausführliches Interview geführt, welches unter http://www.pseudolus.de gelesen werden kann.

    Viel Vergnügen!

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