Quo vadis Weinblogs?

Weinblogs haben sich etabliert. Recht gut sogar, aber lange nicht so, wie erwartet. Sie haben weder Handel, Kritik oder Marketing nachhaltig umgekrempelt, geschweige denn Magazine und Zeitschriften abgelöst. Sie sind ein zusätzlicher Bestandteil der Weinszene, aber weder zum Big Player geworden, noch haben sie den Einfluss, wie manche ihn noch vor Monaten vorausgesagt haben.
Diese Erkenntnis dürfte auch mitschuldig sein an jenem ‘Blues’, der an anderer Stelle schon beschrieben wurde und trotz manch gegenteiliger Meinung weiterhin anhält.
Der Markt ist gesättigt, könnte man meinen. Seit gut einem Jahr gibt es praktisch keinen nennenswerten Neuzugang mehr.
Blogs der Kategorie ‘Kaum Content, aber viel Werbung’ klammere ich hier bewusst aus. Denn man muss kein Hellseher sein um zu ahnen, dass diese Seifenblasen bald ihren Vorgängern hinterher springen werden und verschwinden. Sie dürften eher ein Beispiel dafür sein, dass beim Wein manche Prozesse wohl etwas länger dauern (bis man es kapiert).
Aber nun sollen es ja soziale Netzwerke bringen. Ein Thema wie Wein, welches besonders auf Nachhaltigkeit geprägt ist, soll mit Sozialen Netzwerken à la Twitter die Aufmerksamkeit erringen, die die Weinblogs nicht geschafft haben.
Gebilde, die darauf angelegt sind, Massen an – mehr oder weniger wichtigen – Informationen, schneller, zu jeder Zeit an jedem Ort zu verbreiten, sollen den Durchbruch bringen. Das mag in der Medienbranche, wo die Meldung des Morgens am Abend schon von gestern ist, vielleicht noch nachvollziehbar sein.
Aber führt dieser Druck ständig Output zu produzieren nicht eher dazu, dass man mit  einem Großteil an nutzlosen Infos zugemüllt wird und die wirklich nützlichen gar nicht herausfiltern kann?
Wer sich die nächste große Enttäuschung doch ersparen will, dem sei der Artikel ‘Three Statistics That Lie‘ des Twitterers, FriendFeeders und Tumblrs Fred Wilson empfohlen.
Was nun? Bloggen einstellen? Web 2.0 abhaken?
Nicht unbedingt. Blogs können hier eine Sonderrolle spielen. Sie lassen sich gut entschleunigen und auf eine hervorragende Eigenschaft reduzieren: Die Möglichkeit ohne große Programmierkenntnisse Content ins Internet zu stellen. Ohne Filter und Hemmnisse.
Zwar sind Weinblogs subjektiv, können aber doch oft frei von finanziellen oder anderen wirtschaftlichen Abhängigkeiten publizieren. Jene Felder beackern die aus o.g. Gründen von den etablierten Medien gemieden werden. Dies wird dann auch von Lesern honoriert und wahrgenommen, die keine Blogger sind.
Denn es bringt gar nichts möglichst viele Links von anderen Bloggern einzusammeln, wenn sich die Inhalte nicht von denen unterscheiden, die täglich aus den Pressetickern rutschen.
Die einzige Zukunft der Blogs ist die Außenwirkung. Das Interesse von jenen Gruppen die oft gar nicht wissen was ein Blog überhaupt ist. Endlich raus kommen aus den blogeigenen Mechanismen, dem ständig sich miteinander vergleichen, der Blogwart-Mentalität einiger, der Gefügigkeit mancher.
Ob hierbei die erstmalig stattfindende European Wine Bloggers Conference mehr bringt als internes, wenn auch europaweites Selbstumarmen à la Re:Publica wird sich zeigen. Aber ein Blick über den deutschen Tellerrand ist eigentlich schon mal ein guter Anfang…

2 KOMMENTARE

  1. Iris sagt:

    Kommt der Blues nicht hauptsächlich bei den Leuten auf, die sich einen kommerziellen Vorteil vom Bloggen versprochen haben (und ein bischen zu sehr an den allgegenwärtigen Statistiken und Rankings hingen/hängen)?

    Ich gebe zu, dass ich die zeitnahe Neuauflage von Pressemeldungen, die ich schon woanders gelesen habe (wofür gibt’s sonst Internet) – und das noch in gleich mehrfacher Ausführung auch nicht für sonderlich interessant halte. Aber gerade bei bloggenden Winzern (und auch einigen anderen..) finde ich immer wieder interessante Einblicke – und so kleine komunitäre Ereignisse wie die Weinrallye sind ein guter Anlass, mal über den eigenen Fass- und Glasrand hinaus zu sehen.

    Die Facebook, Xing oder Twitter Geschichten halte ich eher für in der bisherigen Form überflüssige gadgets – aber ich verbringe ja auch nicht meinen Tag vor dem Bildschirm – jeder hat da wohl seine professionelle Verbildung.

    Für mich ist “Die Möglichkeit ohne große Programmierkenntnisse Content ins Internet zu stellen. Ohne Filter und Hemmnisse.” immer noch eine tolle Sache – und das, im Gegensatz zu meinem durchaus mit einer kommerzielleren Ausgangsmotivation vor drei Jahren begonnen französischen Blogausgabe, auch noch frisch von der Leber weg in meiner Muttersprache tun zu können, ist sehr entspannend:-)!

    Klar, ist das auch immer ein wenig Nabelschau – aber ich gebe zu, manchmal lese ich einen meiner alten französischen Artikel und bin erstaunt, das ich das selbst geschrieben habe – hätte ich mir so gut gar nicht zugetraut:-). Und die vielen Aufrufe alter und nach Webkriterien wohl schon fast uralter Artikel deutet ja darauf hin, dass es anderen auch so gehen kann – für Nachhaltigkeit ist also gesorgt (was jetzt verrät, dass ich natürlich auch gerne mal in meine Statistiken schaue – erwischt!).

    Den Blick über den deutschen Tellerrand gönne ich mir täglich (zum Morgencafé) – da bedauere ich, dass das amerikanische European-Bloggertreffen im Nachbarland Spanien leider wohl mitten in die Weinernte fallen wird.

    Aber ein paar motivierte Blogger werden ja wohl lang genug durchhalten, um anschließend davon zu berichten – da vertraue ich voll auf Thomas vom Winzerblog:-)

  2. Ich glaube der Blues tritt eben nicht nur bei den kommerz-affinen auf. Der einzige Lohn der Blogger sind ja oft Klicks und Kommentare. Darum sind Statistiken im Prinzip ja auch kein Übel.
    Allerdings ist es oft so, dass nach einer Anfangseuphorie irgendwann Normalität eintritt und es wieder etwas nach unten geht. Da muss man einen langen Atem haben können.
    Hat man den nicht und gibt den Statistiken die Hauptrolle, d.h. folgt der Inhalt nur noch den Klicks, kann es bitter werden…
    Die BloggerIn verzweifelt z.B. beim Blick in deutscheblogcharts, was sich dort für ein sinnfreier Mist unter den Top 100 rumtreibt. Man wirft den Search engine optimization-Motor an und wundert sich nach einiger Zeit, dass man zwar mehr Klicks hat, aber ums verre…. einfach nicht reich und berühmt werden will.
    Da hilft es schon, so wie WinzerbloggerInnen, noch ein Leben draußen zu haben… :-)

KOMMENTAR HINTERLASSEN

Sie müssen einglogged sein um einen Kommentar abgeben zu können.