Bordeaux für Dummies

Na schön, überall hören wir von anderen, wie und was mit dem Bordeaux so los ist. Niedergang, Aufschwung, je nach Gusto. Damit ist zwar hauptsächlich der Wein gemeint, aber aus der Entfernung betrachtet ist so was gerne egal.
Wie immer in solchen Fällen, lohnt es sich durchaus selbst einen Blick auf die Sache zu werfen. Und am besten macht man dies so wie ich und wirft diesen Blick aufs Bordeaux, im Bordeaux und in Bordeaux, der Stadt Bordeaux. Diese liegt schön zentral und ist mehr als eine nette Absteige.
Immerhin Weltkulturerbe, auch wenn man diesen Zusammenhang in anderen Teilen der Welt gerade … nun ja, eher irgendwie … suboptimal findet.

Bord 01

Auf den ersten Blick ist die Stadt genau so posh wie man dies erwarten würde. Irgendetwas muss man ja haben um die vornehmen Weinfreunde zu begeistern, die hier nächtigen um dann zu den großen Namen wie Rothschild oder Palmer zu Pilgern. Jenen Weingütern die ebenso clean wie langweilig sind.
Doch, La Belle Bordeaux ist schick. Die Uferpromenade mit dem Place de la Bourse, dem Place de la Comédie und der laaaangen Rue Ste-Catherine. Letzte zumindest teilweise. Wer auf schick steht, kann sich in der École du Vin (Cours du 30 Juillet) einschreiben um sich dort den letzten Schliff zu holen und erfolgreich bei Weinproben hübsch rumposen zu können.
Doch Bordeaux hat noch eine andere Seite. Dafür sorgen nicht nur die vielen, vorzugsweise angelsächsischen, Pauschaltouristen, die sich nie für eine Peinlichkeit zu schade sind. Deutsche sind eher dünn gesät, Malle ist näher und Weine über drei Euro sind ja sowieso Wucher.
Auch die Stadt an sich hat noch diesen leicht morbiden Charme den viele südfranzösische Städte so ausmachen. Man muss sich nur auf der Rue Ste-Catherine in Richtung Place de la Victoire aufmachen und hier und da in eine Seitenstraße abbiegen. Hier sind dann auch die Einheimischen und Studenten, die man andernorts ja auch nicht in Touristenzentren findet.
Wenn man darüber den Wein nicht vergessen und in den unzähligen Chateau außerhalb keinen passenden Wein gefunden hat, oder die Stadt gar nicht erst verlassen möchte, findet man hier natürlich auch genügend Weinläden. Wer es eher locker und unkompliziert mag, der steuert die La Maison des Millésimes in der Rue Esprit des Lois an.

Bord 02

Dieser Weinladen ist zwar nicht riesig, aber dafür ist die junge Besatzung freundlich und wunderbar ungezwungen. Wer aber darum einen Discountladen vermutet wird enttäuscht, das sehr schicke only Bordeaux-Angebot reicht von 10 bis 1000 Euro.
Naturgemäß ist man abends dann auch ordentlich hungrig. Hier böte sich das sehr empfohlene L’Entrecôte, gleich neben dem noch später zu erwähnenden Hôtel des 4 Soeures an. Allerdings werden hier seit 1966 auch für Einheimische keine Tischreservierungen mehr angenommen. So kann man sich einerseits in der Kunst des stundenlangen Schlange stehen üben oder sich andernorts eine Alternative suchen.
Um etwas Urlaub von der fleischlastigen französischen Köche, aber nicht von Käse und Wein zu machen, sollte man sich mal das Baud et Millet in der Rue Huguerie ansehen. Dass man erst klingeln muss, hat nichts mit einer Abneigung Gästen gegenüber zu tun, sondern mit den ca. 250 verschiedenen Weine, die sich bis zum Eingang stapeln. Hier ist das Publikum hübsch gemischt, man ist also gut aufgehoben. Keine Sterne, einfache Küche, schickes Weinangebot, freundliche Preise. Ça me va.
Damit das Essen nicht zu trocken und der Heimweg zu lang wird, empfiehlt sich dazu noch eine zentrale Bleibe.

Bord 03

Wer es nicht totenstill (ja, wieder die Briten) mag, kann es sich gleich in der Nähe des Place de la Comédie, im Hôtel des 4 Soeures einmieten. Das hat 1850 auch schon Richard Wagner getan. Die Zimmer sind allerdings leider, oder zum Glück, nicht mehr ganz auf dem Stand von damals. Aber zumindest die Bäder haben einen gewissen Charme. Das Hotel ist zwar keine Budget-Unterkunft, aber günstiger schläft man in der Gegend sonst nur unter den Arkaden des Grand Théâtre, welche in der Nacht auch gerne vom Partyvolk als Toilette genutzt werden.

Bord 04

Wenn man bei der Wahl der Reisemittel noch den idealen Kompromiss zwischen (Wein-) Ladevolumen, Komfort, Kosten und Zeit gefunden hat, kann man bald mitreden bei Gesprächen wie: ‘Also der 79er war echt besser! Aber, liegt eigentlich noch der Latsch auf dem Parkplatz von Palmer?!’

2 KOMMENTARE

  1. Thomas sagt:

    Ganz ehrlich, was mich am meisten in Bordeaux beeindruckt hat waren die süßen Sachen, klein und handlich und an jeder Ecke zu haben. Was für ein Genuss, da braucht es gar keinen Wein mehr, den gibts ja überall! Aber die Süßstückchen, riesige Regale voll davon, jedes sieht besser aus als das andere :-)
    Irgendwann muß ich da noch mal hin in diese morbide Stadt um nochmal Canelé zu essen!

  2. Ich habe mich ganz bewusst nur auf Wein beschränkt, sonst wäre ich vor lauter Appetit überhaupt nicht zum schreiben gekommen…

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