Bordeauxkapitalismus?

R.I.P. Bordeaux

Große Namen, von Ausone über Mouton-Rothschild und Le Pin bis Yquem, rennen um die Wette.
Nicht unbedingt bei der Qualität, dafür umso mehr bei den Preisen. Für eine Flasche Le Pin sind beispielsweise 650 Euro auf den Tisch zu legen (mehr Preise bei Planet Bordeaux). Wohlgemerkt, es handelt sich immer noch um ein alkoholisches Getränk aus dem vergorenen Saft von Weintrauben, abgefüllt in Glasflaschen. Auch nicht um Raritäten aus dem 18. Jahrhundert, sondern frisch im Fass, Jahrgang 2006. Trotzdem ist preislich sicher noch etwas Luft nach oben, bis man die Weine im Keller hat. So man dies überhaupt kann oder möchte.
Schuld an den Preisen sind eben nicht herausragende Qualitäten, es wird auch nicht jede Traube einzeln auf einem Seidenkissen vom Weinberg geholt, es ist die Nachfrage.
Die Nachfrage von den Papa und Paris Hiltons dieser Welt, besonders aus Russland und China, denen Marke und Protz alles, Moral und Geld nichts sind. Die trittbrettfahrenden Spekulanten sind dann eigentlich nur noch die logische Folge.
Dass sich die Châteaux dabei die Hände reiben und kräftig zulangen ist zwar verständlich, aber auch nicht ungefährlich. Denn nichts ist in dieser Art Jetset so out wie die Marke von gestern. Dann könnte dem raschen Aufstieg von heute, ein noch rascherer Fall, nicht nur der Preise, folgen.
Und vielleicht bezeichnet man das Ganze dann irgendwann einmal als Bordeauxkapitalismus, einer Form des Manchesterkapitalismus im 21. Jahrhundert.

[Nachtrag]
Natürlich wird es auch in Zukunft bezahlbaren Wein aus dem Bordeaux geben. Die Spekulationswelle bezieht sich eher auf Weine die mit ihren Preisen auch vorher schon jenseits von gut und böse waren. Solange sich nicht die ‘Kleinen’ anstecken lassen und von den ‘Großen’ mitgerissen werden dürfte könnte alles im grünen Bereich bleiben.

[2. Nachtrag]
Nach meinen eigenen Erfahrungen gibt es tatsächlich noch sehr gute Qualität auch diesseits der Mondpreise.

5 KOMMENTARE

  1. Ich denke, dass es mehrere Gründe gibt für diese Preistreiberei. Da ist doch ganz wesentlich, dass Leute die viel Geld, aber wenig Ahnung von Wein anfangen damit zu handeln. Vor einem halben Jahr gab es da auch einen Artikel im Spiegel: http://weinverkostungen.de/wirtschaft-mit-wein-geld-verdienen/

    Alles fällt bei solchen Geschäften aber damit, ob letztendlich jemand bereit ist soviel Geld für den Genuss des Weins zu zahlen. Demnach ist da Hoffnung. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich fand die Preise schon vor den saftigen Erhöhungen nicht für angemessen.

  2. Charles B. sagt:

    Ob man das nun Obszönität, Investment, Gier, Spekulation, Geldanlage oder ‘keine Ahnung’ nennt, ist letztlich relativ Wurst.
    Wer mag, darf von mir aus auch 650 Euro für eine Flasche ‘Blue Nun’ hinlegen.
    Beachtenswert ist allerdings die Tendenz, die hinter dem steckt. Heute ist es noch Wein, aber übermorgen vielleicht schon Wasser…

  3. Grabgesänge…

    Amüsant, amüsant! Mit satirischen Postings und Fotomontagen haben zwei deutsche Weinblogger Bordeaux zu Grabe getragen. Nikos Weinwelten Grabstein für Bordeaux

    Weincasting Bordeauxkapitalismus

    Nur leider liest das dort niemand und die Karawane…

  4. Neulich noch eine Flasche Mouton für 90 Euronen ersteigert. Das waren noch Zeiten…

  5. Charles B. sagt:

    90 Euren? Ein Schnäppchen!

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