A short life in Second Life.

WC SL.
Otto von Bismarck soll gesagt haben: “Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später.”
Irgendwie passt dieses Zitat im Allgemeinen auch auf das Internet und die Weinbranche, im Besonderen auf die deutsche.
So tummelt sich der deutsche Wein gerne auf dem Internetniveau der späten 90er Jahre.
Web 2.0? Blogs? Nicht nur Weinfachmessen haben damit so ihre Probleme. Natürlich gibt es hier einige Ausnahmen, doch diese Leuchttürme bestätigen eher die Regel.
Wie soll es da erst mit dem ganz neuen Trend aussehen, den manche Enthusiasten schon als Web 3.0 bezeichnen.
Second Life, das Spiel, nein, das zweite Leben als virtuelle Welt aus dem Hause Linden Lab. Eine Art Wunder, welches die zweite Chance für jeden bietet, der seine erste nicht wie Bill Gates, Pierre Omidyar oder Jerry Yang genutzt hat?
In der Tat, auch hier soll es erste vinologische Experimente geben. Einige Weinberge, Weinhändler, Weinstuben bis zur kompletten Weininsel, dem Capozzi Winery Island.
Ist das Second Life wirklich so viel versprechend wie das First, das Real Life? Eine Spurensuche.
Der Start verläuft ähnlich. Nach der Software-Installation der virtuellen Welt auf seinem Computer und vor der virtuellen Geburt als Standart-Avatar gibt es nur zwei Entscheidungen zu treffen, die des Geschlechts und des Namens. Wobei die Wahl bei Nachnamen etwas beschränkt ist, ganz wie im richtigen Leben.
Nun könnte es eigentlich losgehen. Kindheit und Schule hat man schon im echten Leben absolviert. Das Problem ist der Standart-Avatar, durch den man im Second Life sofort als Newcomer identifiziert wird. Glücklicherweise werden einem eine Menge Werkzeuge mitgegeben, welche allerlei Anpassungen ermöglichen. Von der Größe der Brüste, sofern vorhanden, bis zur Dichte der Augenbrauen. Dies erfordert etwas Zeit und noch etwas mehr Geschick. Die erste Hürde in Second Life. Aber Hilfe wird allerorten angeboten, von naturgetreuen Geschlechtsteilen bis hin zu Designerklamotten von Labels aus der echten Welt. Im Tausch gegen ein paar Linden Dollars, dem Zahlungsmittel in Second Life, welches seinerseits gegen echte US-Dollars zu haben ist.
Glückwunsch, sie haben soeben die virtuelle mit der echten Konsumwelt getauscht. Vielleicht nicht getauscht, sie haben die echte um eine virtuelle Konsumwelt ergänzt.
Selbstverständlich kann man in Second Life auch Geld verdienen. Allerorten kann man Wege kehren oder Passanten mit Gitarrenspiel erfreuen, dies wird mit ungefähr sechs Linden Dollar pro Stunde entlohnt. Wer jetzt überlegt, seine echte Miete als virtueller Straßenfeger zu verdienen, sollte aber nicht den Umrechnungskurs vergessen. Um einen echten Dollar zu bekommen, muss man zurzeit 290 Linden Dollar auf den virtuellen Wechseltisch legen.
Natürlich braucht man sich nicht mit derlei Hungerlohn abgeben. Man kann sich auch als DJ, Designer oder Architekt verdingen. Das sind dann auch die Karrieren von denen in Yellow Press und Yellow TV berichtet wird. Das man auch hier nur mit viel Glück auf einen Stundenlohn von knapp drei echten(!) Euro kommt, muss man sich aber schon selbst ausrechnen.
Echtes Geld machen auch hier die Anderen, so man sie denn findet. Bisweilen ist von den angeblich 7,6 Millionen Einwohnern kaum jemand zu sehen. Auch nicht bei den großen und bekannten Firmen im zweiten Leben. Jenen Firmen, die erst eine Menge Geld und Aufwand investieren, um dann etwas herauszubekommen.
Nicht die Gallos, sondern Adidas, BMW, Reebok oder Sony BMG haben hier schon Dependancen errichtet. Klar, dass da auch JobScout24, Neu.de, MTV, Beate Uhse und der Playboy nicht fehlen dürfen. Und Linden Lab natürlich, die ihre Einnahmen aus virtuellen Landverkäufen und Premium Accounts erzielen. Denn richtig Spaß macht Second Life doch nur mit einer eigenen Parzelle und den Premium-Möglichkeiten.
Geschenkt bekommt man eben auch hier nichts. Darum machen sich Marketing und Werbung so schnell breit, wie Coca Cola vor ein paar Jahren in Osteuropa. Da verwundert es nicht, dass es eben die Werbeindustrie ist, die ständig Loblieder auf Second Life singt.
Kritische Stimmen gelten nicht wirklich. Die Fortschrittsverweigerer sollen nicht nörgeln, sondern mitmachen. Sich am Leben beteiligen und aufbauen, denn nur so lässt sich das Second Life wirklich verstehen. So wie man den tieferen Sinn des Koksens eben erst versteht, wenn man sich regelmäßig eine Line zieht.
Da erinnert doch vieles an den Internet-Boom der späten 90er. Bye-bye Universität, hello E-Commerce, vom abgebrochenen Hochschulstudium… Ach, vom Hauptschulabschluss zum IT-Millionär. Und zwar für (fast) jeden.
Das Happy End kennen wir inzwischen. Theoretisch könnte in Second Life vielleicht sogar Potential stecken, aber es ist wahrscheinlicher, dass es von der Kommerzialisierung erdrückt wird, bevor es sich überhaupt entfalten kann.
Man hat also nichts verpasst, schon gar keinen Wein. Ein paar müde gemapte Weinstöcke mit Verkostungsscheune als Weingut zu bezeichnen ist schon sportlich. Die Insel, das Capozzi Winery Island ist noch nicht aus dem Linden Ocean aufgetaucht, oder schon wieder darin versunken.
Auch die sonstigen Wein-Events sind in etwa so spannend wie ein lauwarmer Müller-Thurgau aus einem Pappbecher und es sieht nicht so aus, als ob sich daran etwas ändern müsste.

Ein paar visuelle Eindrücke der Tour durch Second Life kann man sich hier nicht mehr ansehen.

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